Es ist Herbst und Sonntag und ich habe eigentlich etwas am Schreibtisch zu tun. Draußen leuchtet der Herbst und lockt mit Trockenheit und Wärme. Also kombiniere ich: Laptop trifft Packkorb trifft Hängematte und ich treff mich mit ihnen im Wald.

Ich liege im T-Shirt in der Hängematte. Das viel zu teure Fell, das wir letztes Jahr in der Schweiz gekauft haben, wärmt meinen Rücken. Die mitgebrachte Decke brauche ich nur als Kopfkissen. Seichte Brisen von kühler Luft streichen über meine sommerbesprosste Haut.

Beinahe vom Kleiber aufgespießt

Kehlige Klänge sprudeln aus der Luft herab zu mir ins bunte Laub. Zwei Nebelkrähen unterhalten sich. Ich schaue zu ihnen hoch, über mir der blaue Himmel. Und dann eine schnelle Bewegung: Was fällt da auf mich hinab? Ein Kleiber lässt sich, Schnabel voran, von der Kiefer über mir fallen. Also von der Kiefer, an der das Kopfende meiner Hängematte hängt. Adrenalin verteilt sich blitzschnell in meinem Körper, meine Atmung wird schneller, mein Herz pumpt — wird mir dieser Dartpfeil mit der Kampfbinde um die Augen gleich ins Gesicht schießen? Uuuuund, da löst er sich aus seinem freien Fall und landet ohne weiteren Flügelschlag elegant auf einem Eichenast.

Er, der mich eben noch beinahe umgebracht hat, beruhigt mich jetzt, indem er mich ihn betrachten lässt: Sein bräunlich-rosa Bauch und der graublaue Rücken machen den Kleiber zu einem Abbild des Tages mit dem rötlich-gelben Laub und dem blauen, sonnigen Himmel.

Buntspechte und Kleiber suchen sich Vormittags-Snacks in den Furchen der Baumrinden. Mit zartem Klopfen und unter vollem Körpereinsatz bricht der Kleiber die Borke auf. Wie ein Geschoss bewegt sich sein ganzer Körper, angeleitet vom nagelartigen Schnabel, auf die unter der Rinde verborgenen Käfer zu. Haps, und runtergeschluckt – wo gibt es den nächsten Happen? Quiekend schießen zwei der Spechtmeisen über mir durch Luft. Der Buntspecht dagegen kam mir heute so unheimlich langsam vor.

Kleiber Nuthatch
Der aeorodynamische Kleiber. Das Bild hat Patrice Bouchard geschossen und via Unsplash zur Verfügung gestellt.
Auf riesigen Schwingen observieren zwei Krähen das Gebiet von Ost nach West.
Über mir der Herbsthimmel.

Die TV-Show im Wald

Fliegen und kleine Falter surren und flattern durch die sonnenschwere Luft. Ein Schwall Blätter segelt aus dem Blau, als hätte jemand in einer Fernsehshow etwas großartiges vollbracht. Da wird dann in der Totale das Studio mit den Metallic-Konfettirechtecken gezeigt. Schwenk übers Blätter-Publikum, das heftig applaudiert. Der Kleiber jubelt leise. Schnitt aufs Gesicht, Nahaufnahme einer zu Tränen gerührten Frau. Die Moderatorin: „Es ist vollbracht, Cycla, du hast den anstrengendsten Teil des Jahres geschafft. Jetzt kannst du dich an deinem Gewinn, der Ernte, sattessen und dich ausruhen.“ Dann ans Publikum: „Unsere Kandidat*innen bereiten sich nun auf die nächste Runde vor — seien auch Sie dabei, wenn es heißt: Welches Schwein dreht am Rad?“. Also so sieht es hier aus, wenn die Blätter golden vor dem blauen Himmel von Eichen und Traubenkirschen segeln und die übrigen Blätter am Baum im Luftzug applaudieren und das Jahresrad langsamer wird.

Ich habe Kuchenhunger und mache mich daran, meine Sachen zusammenzupacken: in den Packkorb kommt die Hängematte, die Decke, das Fell, mein Laptop und das Filztäschchen mit der Powerbank. Den Pulli ziehe ich direkt an, es ist jetzt doch frischer geworden. Bevor es nach Hause geht, wird die Umgebung noch ein wenig erkundet:

Ich schwinge mich auf den Sattel. Beim Verlassen des Platzes sauge ich den süßen Duft des Herbstes noch einmal ganz tief in meine Lungen, sodass er sich komplett ausbreitet: liegt in mir wie ein Blatt, das seinen Dienst im Sommer getan hat. Verwesen und süßlich ausdünsten will ich noch nicht, aber ruhen. Moin aus dem Waldbüro.

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