Vom Bett aus beobachte ich an diesem Septembermorgen einen kleinen Vogel. Er ist wirklich sehr klein und seltsam. Doch seine Größe ist es gar nicht, weshalb ich meine Augen nicht mehr von ihm nehmen kann; seine Bewegungen sind es, die mich vom Frühstücklöffeln abhalten: hik hak hok tschirp bingbingbing ein Ruckeln, als würde er die Zwischenschritte einfach auslassen. Seine geometrischen Formen besitzen keine Linien, nur Punkte. Der kleine Vogel bewegt sich so schnell, dass ich nur die äußersten Eckpunkte seiner Bewegung sehe, die, auf denen er sich in eine andere Richtung wendet. Leben wir in unterschiedlichen Raum-Zeit-Verbindungen?

Was ist mit dir, seltsames Vögelchen?

Er ist so klein. Von hier, wo mich die Nachtwärme hält und die schon fast Herbstluft mich weiter Richtung Fenster drängt, schätze ich, er hat die Länge meines Daumens und fast auch die Breite. Seine Geräusche passen mit seinen Bewegungen zusammen: jeder Ton ein Hopser. Hik hak hok tschirp bingbingbing.
Jetzt weiß ich, was mit ihm ist: Er erinnert mich an ein Daumenkino, in dem nur die wichtigen Stellen gezeichnet wurden.

Er klettert im Farn herum und ich frage mich,

ob das die ganz normale menschliche Wahrnehmung ist: nur die Punkte zu sehen und gar nicht die Linien. Bei anderen Menschen nur die Eckpunkte ihres Schaffens und gar nicht den Weg dorthin wahrzunehmen. Wir sehen sie im Glas unseres Bildschirms, lehnen uns aus unserem Schlaf kurz in ihre Richtung und sie erscheinen uns wie Spatzen mit anderen Geschwindigkeitsgesetzen. Dabei kann unser Auge ihre Wege einfach nicht wahrnehmen, die für jeden Eckpunkt überwunden werden mussten. Dabei zeichnen wir die anscheinend unwichtigen Stellen einfach nicht. Der Spatz ist jetzt in den Hortensien verschwunden und ich löffle weiter mein Frühstück. Heute werde ich vielleicht einfach nur meine Linien gehen. Und das sind dann eher die Stories als die Posts.

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