Wenn Saša Stanišić ein Buch lobt, muss es zumindest etwas von dem haben, was seinen Büchern anhaftet, so die Erwartung. Nach dem Klappentext leuchtet also die Hoffnung auf Merkwürdigkeiten und eine besondere Sprache. Nun, die Leseerwartung wurde nicht enttäuscht, sie wurde übertroffen.

Er stülpt das Innere nach außen.

Ocean Vuong schafft in der Leserin eine Ruhe, während die erzählten Erlebnisse aufwirbelnd sind.
Sich wiederholende, aufschraubende Bilder, werden poetisch miteinander verknüpft, verschränken Gedanken mit Erinnerungen und mit der Gegenwart und der Vergangeheit und der Zukunft. Worte und Sätze fallen plötzlich in die Tiefe, eröffnen Paradoxien. Immer wieder schafft es Vuong so, unsichtbare, generationenübergreifende Mechanismen nach außen zu kehren. Er stülpt das Innere nach außen. Und das unter erheblicher Reibung zwischen Mutter und Sohn, zwischen wenig Bildung und hochgebildet, zwischen Trauma und Liebe. Während das Buch einen zerreist, kittet es einen auch schon wieder zusammen.
Absolute Leseempfehlung.

Textstellen

„Hast du dir jemals einen Ort ausgedacht“, sagstest du […] „und dich dann dorthin versetzt? Hast du dich jemals von Hinten gesehen, wie du weiter und tiefer in diese Landschaft hineingehst, weg von dir selbst?“ Wie konnte ich dir klarmachen, dass das, was du mir da erzähltest, Schreiben ist?

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Unsere Hände leer bis auf unsere Hände.


Ocean Voung: Auf Erden sind wir kurz grandios
Aus dem Englischen von Anne-Christin Mittag
ist 2019 im Carl Hanser Verlag erschienen
267 S., Hardcover, 22€

In der Kategorie 20 Seiten entsteht nach 20 Seiten ein Leseeindruck.

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